Samstag, 12. September 2015

Sokodé

Ich sitze vor meinem Zimmer in Sokode. Es ist Abend, 18 Uhr, gleich ist es dunkel, über mich hinweg ziehen Scharen von Fledermäusen, auf der anderen Seite des Hofes sitzen die Frauen des Hauses und kochen: Couscous mit roter Soße und Kokosnussplätzchen, mein Gastbruder, Emanuel, übt irgendeine Kampfkunst und ich lasse mal wieder von mir hören.

Vor zwei Wochen wurde nach einer weiteren anstrengenden Volleyballfeldbauwoche unsere Arbeit mit kleinen Feierlichkeiten beendet. Wir sind nicht fertig geworden. Zwar ist der Untergrund fertig, aber die Betondecke fehlt - und ich wage es zu bezweifeln, dass wir eine solche hätten bauen können. Am Freitag ließen sich dann aber alle Präsidenten irgendwelcher Vereine blicken, die etwas mit dem Bau des Feldes zu tun hatten und hielten vor laufender Kamera reden über unser Engagement und die tolle Zusammenarbeit. Für uns gab es dann eine Urkunde, ein Bilderbuch (warum auch immer) und eine Cola zum Nudelsalat-Sandwich.
Und dann hätte am Montag eigentlich der Sprachkurs anfangen sollen. Die ersten vier Mädels waren bereits am Sonntag in ihre Gastfamilien gekommen, für alle anderen sollte es etwas später los gehen, für Lotti und mich zwei Wochen später - eben nach besagtem Sprachkurs. Aber (und daran muss man sich hier schnell gewöhnen) Pläne werden nicht geschmiedet, um sie umzusetzen, sondern um sie wieder zu verwerfen. Und deshalb machten Lotti, Greta, Antoine und ich uns am Mittwochmorgen um 5 Uhr auf den Weg nach Atakpame und von da aus weiter nach Sokode. Um 13 Uhr kamen wir an. 8h für 300km über Schlaglochstraßen! Nachdem wir uns auf unserer Fahrt von Lome nach Kpalime über die guten Straßenverhältnisse gewundert hatten, durften wir nun die "eigentlichen" Straßen Togos erleben. Danach war jedenfalls wirklich alles einmal durch geschüttelt - aber die Achse hatte gehalten. Antoine und Greta fuhren dann noch ein Stück weiter in den Norden nach Kara und Lotti und ich wurden von unserem "Chauffeur" abgeholt und zur Gastfamilie gebracht. Unser Gastbruder stellte sich vor und zeigte uns unsere Zimmer, irgendwann kam dann auch unser Gastvater, Kossi und eine Frau brachte Laken. Später stellte sich heraus, dass sie unsere Gastmutter, Atoi, ist. Und dann waren da noch mindestens zehn weitere Leute von denen wir immer noch nicht genau wissen, wer das ist, geschweige denn, dass wir es von all den anderen Leuten wüssten, die hier jeden Tag kommen und gehen. Togolesische Verwandtschfts-, Oderwasauchimmer-Verhältnisse sind eben schwer zu durchschauen. Das macht es auch schwierig sich in das Familienleben zu integrieren. Wir unterhalten uns mit ihnen oder dürfen beim Kochen helfen, aber essen tun wir dann doch nur zu zweit. 
Am Freitag zeigte uns dann Antoine Sokode. Sokode ist die zweitgrößte Stadt Togos und liegt in der Region "Centrale", damit sind wir zwar jetzt zentral in Togo, aber das eigentliche Zentrum liegt im Süden um Lome und Kpalime rum. Hier bei uns im Norden ist es jetzt schon wesentlich ärmer: es gibt nur noch eine Regenzeit, damit nur einen Ernteertrag und alles ist weniger auf den westlichen Tourismus ausgelegt: keine Restaurants mit westlichem Essen, wenige Bars, kein Schwimmbad, keinen Laden mit westlichen Hygienartikeln und Nahrungsmitteln. Alles andere gibt es aber trotzdem: Märkte, Internetcafes, Krankenhäuser, Apotheken und in dem ein oder anderen Laden findet man sogar Nivea-Deos oder Prinngles-Chips oder auch thailändische Schokokekse. Hoch lebe die Globalisierung! Und Sokode ist sehr viel weitläufiger: wir laufen überall mindestens 30min hin, über rote Sandstraßen oder gut geteerte Asphaltstraßen vorbei an vielen kleinen Händlern mit Obst oder Frittiertem.

Tja, und dann hätte es am Montag auch schon ins Projekt gehen sollen. In das Waisenheim Mond'action. Nach unzähligen Diskussionen und Erinnerungen mit und für Horace in dem es um meine fehlenden Sprachkenntnisse und die weltwärts-Förderung ging.
Aber nochmal langsam: Ich hatte mich für das Projekt im Waisenheim beworben, hatte aber stattdessen das Projekt bei Campagne des Hommes (CdH) also direkt bei der Partnerorganisation bekommen - einen Bürojob. Horace Reaktion dann zu meinen fehlenden Sprachkenntnissen: "Fuck, fuck, fuck". Das verprach schon mal einen super Start mit Horace (dem Chef von CdH). Ich sollte also im Kindergarten arbeiten, blöd nur, dass das Projekt nicht durch die weltwärts-Förderung unterstützt wird. Also ging die Diskussion los, ob ich nicht mit Lotti nach Sokode gehen könnte. Und, um es abzukürzen, obwohl Horace sich lange Zeit nicht direkt dazu geäußert hat, bin ich jetzt hier!
Am Montag hätte es also los gehen können, hätte ich am Samstag nicht Fieber bekommen und am Sonntag bestätigt bekommen, dass ich Malaria habe. Alles halb so wild, ich hatte ziemlich hohes Fieber, starke Kopfschmerzen und Gliederschmerzen, aber das war es auch schon, am Mittwoch ging es auch für mich los. Trotzdem: nach fünf Wochen das erste Mal Malaria. Super Quote!
Im Projekt arbeite ich nun mit elf 2- bis 3-jährigen zusammen. Spielen, Singen, Essen gehen, der Gruppentoilettengang, trösten, Streit schlichten gehören zu meinen Aufgaben ab 7:30 bis 12 Uhr zu meinen Aufgaben und dass mit meinen immer noch kargen Französischkenntnissen. Aber wenigstens sprechen sie Französisch und nicht Kotokoli, der hiesigen Regionalsprache. Es macht super viel Spaß und erfüllt das schöne Klischeebild: lauter kleine, süße Schokobabys. Aber ist auch sehr anstrengend, vor allem, wenn schon wieder jemand eingepullert hat oder sich das Essen über das Kleid schüttelt. So romantisch ist die Aufgabe also auch nicht. Trotzdem freue ich mich morgens in das Projekt zu kommen und von begeisterten "Bonjour, Tata"-Rufen begrüßt zu werden.

Nachmittags haben wir jetzt für zwei Wochen doch noch einen Sprachkurs. Kotokoli ist eine von über 40 Stammessprachen und ist wohl ein Dialekt von Kabiye, was auch Amtsprache ist. Es ist ganz spannend einen Einblick zu bekommen, teilweise erinnert es mich an Thai, wegen der ganzen nasalen Laute. Eigentlich bringt es mir aber nicht allzu viel, weil ich momentan echt eher am Französisch lernen interessiert bin. Ein paar Grußformeln können ja aber trotzdem nicht schaden.
In einer Woche werden wir dann auch nachmittags im Waisenheim arbeiten und damit in unserem togolesischen Alltag stecken.
 
Noch ein kleiner Bildnachtrag von unserem Ausflug zum Wasserfall.

 Auf dem Weg zum Waisenheim.

Hier findet montags immer der kleine Markt statt.

Das Haus unserer Gastfamilie.

Der Innenhof unserer Gastfamilie. Links kaemen Lottis und mein Zimmer, am rechten Bildrand ist das Wohnhaus und das kleine graue Gebauede ist die Kueche.

Mein Zimmer.

Atoi beim Tomatensuppe machen.

 Und ich beim Koliko frittieren.

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