Mittwoch, 8. Juni 2016

Ringel, Ringel, REISE

Wohl mit am meisten werde ich das Reisen an Togo vermissen. Für 30 bis 50€ das ganze Wochenende unterwegs zu sein, samt Fahrt, Hotel, Essen und Unternehmungen ist schon echt super, vor allem wenn ich mir überlege, dass ich in Deutschland schon 15€ nur für den Club am Samstagabend ausgebe. Deshalb haben Janika, Katharina und ich das auch die letzten Wochenenden ordentlich ausgenutzt. 
Da also mein Alltag sich hier mittlerweile vor allem mit Arbeit, Trommelkurs, Tanzkurs, in den Boutiquen rumsitzen und mich mit Janika und Katha treffen eingependelt hat, erzähle ich euch von unseren Wochenendausflügen:

Nach der unglaublichen Party des Tags der Unabhängigkeit mussten wir dann doch alle am Donnerstag arbeiten gehen und am Freitag flüchteten Katha, Janika und ich nach Danyi. Einmal in die Berge, in ein kleines, schönes Hotel, angenehm, kühles Wetter und abends ein so klarer Himmel, dass man tausende von Sterne sehen konnte, die ein oder andere Sternschnuppe und vor allem nach neunmonatiger Suche den großen Wagen. Einmal weg von den "Weißer, Weißer"-Rufen in der ganzen Stadt, den hingeschleuderten Heiratsanträgen auf dem Arbeitsweg und der brütenden Hitze. Viel haben wir nicht gemacht, gequatscht, gelesen, geschlafen, einen Spaziergang zum Kloster unternommen, für das Danyi berühmt ist und wieder gequatscht, gelesen, geschlafen, geschlafen, geschlafen. 
Am Montag war dann auch klar, warum wir so viel geschlafen haben: Janika und ich hatten Malaria - meine Dritten in diesem Jahr. 

Über Himmelfahrt bin ich noch einmal Lotti in Sokodé besuchen gegangen. An dem Freitag wurden fünf der mittlerweile 13 Kinder (zwei sind dazu gekommen, seitdem ich weg bin) verabschiedet. Drei Kinder kamen zu ihren Vätern und deren neuen Frauen zurück, ein Mädchen wurde adoptiert und Malika kam zu ihrer Oma. Deren Vater hatte innerhalb der drei Jahre, die Malika im Waisenheim war keine neue Frau geheiratet und deshalb kann Malika nicht bei ihrem Papa leben. 
Diese ganze Feier hat mich unheimlich mitgenommen. Alle fünf waren sehr überfordert von der Welt außerhalb der Waisenheimmauern. Während der Fahrt zu dem Festraum merkte man, wie es in den kleinen Köpfen von Sadikoo und Saidoo ratterte, wegen all der neuen Dinge, die sie auf einmal sahen und vor allem Solonge wollte nicht zu ihrem Vater, sondern stürzte immer wieder zu der Tata zurück, obwohl sie in den Wochen davor durch Treffen und längeren Aufenthalten in der Familie an diese hatte gewöhnt werden sollen. Am offensten war noch Marceline, die adoptiert worden ist von einer wirklich herzenslieben Togolesin. Trotzdem war es komisch zu sehen, wie schwer es ihnen fiel, sich an die "normale" Welt zu gewoehnen. So haeufig waehrend meiner Zeit dort hatte ich gedacht, dass ihnen im Waisenheim Liebe und Aufmerksamkeit fehlen wuerden. Tatsaechlich sind sie aber sehr behuetet  aufgewachsen.
Ansonsten haben Lotti und ich nochmal all unsere Lieblingssachen in Sokodé gemacht, aber Lotti war krank und ich auch immer noch angeschlagen, deshalb war das alles ganz gemuetlich.

In der Woche darauf war ich die ganze Zeit ziemlich fertig, hatte keine Lust auf das Tanzen und machte mir echt langsam Sorgen, dass die Luft raus war und ich einfach keine Lust mehr auf Togo hatte. Deshalb freute ich mich dann, dass wir über Pfingsten nach Lomé an den Strand wollten und ich mich einmal richtig ausruhen konnte. Und um meiner langen Müdigkeitsstory ein Ende zu setzen: am Montagmorgen hatte ich so hohes Fieber und war so weggetreten, dass mich Janika und Katha halb ins Krankenhaus tragen mussten und ich dort drei Tage lang am Tropf hing: Malaria mit 96.800 Plasmodien. Die ersten Male lag dieser Wert bei unter 1000... Also, allen den ich immer erzählt habe, dass Malaria hier überhaupt nicht schlimm ist: es kann auch mal stärker sein. Dadurch wurde also nichts aus dem Altkleidermarkt, dem großen Markt, Fenjas 22. Geburtstag und am Strand chillen. 
Seitdem geht es mir aber viel besser, das Tanzen macht mir wieder super viel Spaß, als Lotti mich vor zwei Wochen besucht hat, hatten wir mal wieder einen Auftritt, bei der Arbeit haben wir neue Arbeitszeiten und am Wochenende fange ich langsam an Mitbringsel und Souvenirs zu kaufen. Und nachdem mir ein Freund das Ewe-Wort für "Schwarzer" beigebracht hat brülle ich jetzt auf jedes "Weißer, Weißer" "Schwarzer, Schwarzer" zurück über die Straße. In Deutschland sollte ich dann aber wohl schnell wieder damit aufhören. 

Dieses Wochenende waren wir dann nochmal in Kpimé Seva und sind den Berg auf Schleichwegen hoch geklettert, um an der Zahlstation vorbeizukommen... Was letztlich doch nicht geklappt hat, haben im Freien bei Taschenlampenschein gekocht und auf einer Platform unter freiem Himmel geschlafen. Eigentlich wollten wir am Sonntag dann noch zum Wasserfall, aber es hat die ganze Zeit geregnet, sodass wir ohne Wasserfall mit ganz viel quatschen eine echt schöne Zeit hatten.

Vielleicht fragt sich jetzt der ein oder andere, wo bei meinen ganzen Erzählungen die Togolesen bleiben. Da bin ich in Togo und verbringe quasi doch jedes Wochenende mit Deutschen? 
Für mich sind 30 bis 50€ vielleicht wenig, um ein Wochenende zu verbringen, aber für viele meiner Freunde hier ist es mehr, als sie im ganzen Monat verdienen. Das ist eine Sache, die ich erst hier in Kpalimé verstanden habe: unsere Gasfamilien und meine Freunde in Sokodé sind nicht der Durchschnittstogolese. Und wenn dann würden die aermeren Togolesen doch bestimmt nach dem Motto "arm, aber glücklich" leben, jeder macht das Beste daraus. 
Jetzt habe ich auch Freunde, bei denen ich weiß, dass sie abends häufig ohne Abendbrot ins Bett gehen. So glücklich macht das nicht: kaufe ich mir jetzt Seife, um meine Klamotten zu waschen oder Reis zum Abendbrot, lege ich das Geld beiseite, um die monatlichen 50 Cent fürs Tanztraining zu bezahlen oder esse ich heute Pâte zum Abendbrot? 
Und dann komme ich hier an. Möchte die Kultur und das Land kennenlernen. Klar setzt man sich zu ihnen in die Boutiquen, quatscht, geht zusammen in die Reggae Bar, lädt sie auf ein Bier ein. Sicherlich gibt es auch Freunde, die besser gestellt sind und auch dich mal einladen, aber ein solches Wochenende kann sich keiner von ihn leisten und ich habe dennoch den Anspruch, wenn ich schon mal in Togo bin, dann möchte ich auch etwas sehen...

p.s. Eigentlich habe ich viele, viele Bilder, aber mittlerweile sind saemtliche Laptops, Festplatten und Sticks mit Viren verseucht, dass ich euch Bilder meiner letzten Monate hier erst wieder in Deutschland reinstellen kann. Beim letzten Eintrag habe ich dennoch ein paar hinzufuegen koennen.

Auf dem Weg zum Kloster 


Unser Ausblick am Abend.

Das Hotel. 

Katha und ich am Tanzen im Garten.

Sadikoo, Saidoo, Maceline, Solonge und Malika am Tag ihrer Verabschiedung. 

Auf dem Weg nach Kpimé Séva. 

Oben auf der Plattform. 

So haben wir geschlafen. 

Beim Kochen im Freien.

 Unser Frühstück: Brot mit Omelett und Haferflocken.




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