Mittwoch, 23. Dezember 2015

Die Kleingeldtheorie

Das mit dem Kleingeld ist hier ein echtes Phänomen: wenn du etwas kaufst und nicht passend zahlst, gucken sie dich an, als ob du in Deutschland ein Brötchen mit einem 500er-Schein bezahlen möchtest und sie können dir dann auch nicht rausgeben, ohne vorher riesig rum zu suchen. Teilweise schon, wenn du ihnen 100 France statt 50 France gibst, also 16 Cent statt 8 Cent. 10.000er Scheine, also ganze 15,50€ (was hier der größte Schein ist) wirst du gar nicht los. Lotti und ich fragen uns deshalb, ob wir einfach noch nicht das Prinzip verstanden haben, schließlich scheinen wir ja die Einzigen zu sein, die nicht passend zahlen können. 
Deshalb hier die Theorie: unser Gastpapa müsste eigentlich genug Geld verdienen, sodass unsere Gastmama nicht zu arbeiten bräuchte. Trotzdem sitzt sie stundenlang da, um "Cocorapelle" zu machen, schlägt Kokosnüsse auf, raspelt das Fruchtfleisch, knetet Mehl, Zucker, Kokosnussraspeln und Kokosnussaft, rollt den Teig aus, schneidet und frittiert. Daran sitzt sie teilweise gut und gerne einen Tag lang und verkauft dann einen solchen Keks für 25 France. Wir fragen uns echt, wie viel Gewinn sie damit macht. Manche Wochen sitzt sie hier jeden Tag bis in die Nacht und frittiert ihre Kekse, ein anderes Mal nur einen einzigen Tag in der Woche. Manche Wochen braucht sie also besonders viel Kleingeld, ein anderes Mal nicht so viel und Lotti und ich waren nur noch nicht schlau genug, uns ein kleines Nebengewerbe auszudenken, mit dem wir Kleingeld verdienen.

Neben solch wichtigen Überlegungen haben wir hier aber auch noch andere Dinge zu tun: die letzten Tage in unseren jeweiligen Gruppen sind gezählt, bevor wir zum Januar hin wechseln. Die Kinder in meiner Gruppe habe ich unheimlich lieb gewonnen, man merkt richtig, wie eine enge Beziehung zwischen ihnen und uns entstanden ist und man bestimmte Verhaltensweisen von den Kindern kennt: Sadikoo muss beim Essen immer auf einem gelben Stuhl und Saidoo am Kopfende sitzen, Malika braucht ihre persönliche Kuscheleinheit, wenn wir nachmittags ins Projekt kommen und die anderen Kinder auf dem Töpfchen sitzen und Nadja muss immer ganz vorne auf meinem Schoß sitzen. Ich gehe wirklich gerne zur Arbeit und trotzdem gibt es Tage an denen es einfach zu viel ist, man kann mit den Kindern nicht "normal" reden, jedes "Setz dich hin!" muss ein gemeckertes "Setz dich hin!" sein bzw. mit der Drohung einhergehen sie sonst aus dem Raum zu schmeißen. Häufig frage ich mich wirklich, was die Kinder damit erreichen wollen, schließlich ist es für sie doch genauso anstrengend, immer angemeckert zu werden, wie für mich sie immer anzumeckern. Deshalb freue ich mich jetzt in die kleinere Gruppe und damit in die etwas ruhigere Gruppe zu wechseln. Ab Mai ist dann geplant, dass wir uns die letzten drei Monate die restlichen Bereiche dort angucken, also die Krankenstation, das Mädchen- und Jungeninternat, die Feldarbeit, die Verwaltung und eine Woche nur die Nachtwache im Heim machen. Die haben wir neulich schon einmal mitgemacht, das ist echt richtig süß, wenn die Kinder abends ins Bette gehen. Und ganz zum Schluss möchte ich dann trotzdem nochmal mit meinen großen Kiddies arbeiten. 

Ansonsten waren wir am letzten Novemberwochenende wieder einmal in Lomé zum Weltwärtstreffen, bei dem sowohl einige Weltwärtsfreiwillige, als auch Germanistikstudenten und einige Schüler vom Goethe-Institut dabei waren. Das war ganz cool, weil wir Schüler kennengelernt haben, die hier in Sokodé an das "Lycee Modern" gehen und dort Deutsch lernen. An der Schule sind über 1700 Schüler und 1200 von ihnen lernen Deutsch. An einem Mittwochnachmittag haben wir ca. 30 Schüler von ihnen im "Deutschclub" besucht und uns angeschaut, wie sie eine Fabel einstudiert haben und zusammen "das fliegende Klassenzimmer" gesehen. Die Schule wird vom Goethe-Institut unterstützt und Clemens, der Freund von Lotti, der im Februar kommt, wird dort für zwei Wochen ein Praktikum machen können. 
Außerdem haben wir bei dem Weltwärtstreffen Camilla, Alina und Jule kennengelernt, was echt super war, weil die in Lomé Volontäre sind und zu dritt in einem kleinen Haus - mit Dachterasse! - wohnen. Für die Zeit konnten also Lotti, Janika, Katha, Lucas und ich mit bei ihnen wohnen, was echt super war. Wir waren wieder auf dem Grande Marché, am Strand (sogar im Meer baden, obwohl das wegen des hohen Phosphatanteils nicht so gesund sein soll), bei deren traditionell togolesischer Tanzstunde, bei einer traditionell togolesischen Tanzaufführung, im Greenfield essen und im Club. Da war ich ganze fünf Minuten, weil Lukas Flipflops an hatte, mit denen man in Togo nicht in Clubs kommt und Lotti, Janika, Camilla und ich dann weiterhin in der Bar unter dem Club mit ihm saßen und gequatscht haben, während die anderen oben waren. Und natürlich haben wir auch sonst viel zusammen gesessen und erzählt, was wir schon so alles hier erlebt haben. Über Silvester fahren Lotti und ich wieder hin, um zusammen das neue Jahr zu feiern. 

Am ersten Dezemberwochenende war das "Festeke" ein groß gefeiertes Fest in Sokodé, bei dem verschiedene Gruppen gegeneinander antreten, die traditionelle Gesänge aufführen. Diese Gesänge sind kleine Geschichten, die auf Kotokoli erzählt werden - Lotti und ich haben also nichts verstanden, aber teilweise hat eine Freundin für uns übersetzt. Die Gruppe mit der besten Geschichte und dem besten Gesang gewinnt. Abends waren dann Auftritte außerhalb des Wettbewerbs, eher so in Richtung togolesische Popmusik. Besonders lustig war, als Lotti und ich beim Auftritt von einem Freund mit nach vorne sollten. Vor allem, weil er in seinem Lied zu 90% "Je suis Rasta" (Ich bin Rasta) singt. Das Lied ist also sehr eingängig. 
Parallel zu dem Gesangswettbewerb fand ein Fußballtunier statt, das von dem deutschen Verein "buntkicktgut" jedes Jahr wieder veranstaltet wird und bei dem verschiedene Schulen gegeneinander antreten. Das war auch ganz interessant anzusehen, aber insgesamt ist Fußball einfach nicht so meins. Die Veranstalter haben sich aber auch unser Projekt angeguckt, das war ein ganz schöner Nachmittag und über sie würde man auch innerhalb Deutschlands Kontakt zu Togolesen knüpfen können.

Jetzt gerade am Wochenende waren Janika und Katha uns besuchen. Wir sind zusammen nach Tchamba gefahren, um uns dort den großen Sonntagsmarkt anzugucken, die Beiden haben sich unser Projekt angeguckt, wir haben bei Wass gegessen, uns bei Monopoly um den Verstand diskutiert und geärgert, haben ganz viel gequatscht und einfach eine richtig schöne Zeit miteinander verbracht!

Dann waren innerhalb des letzten Monats mein Geburtstag, der von Tata Nathalie, mit der ich zusammen arbeite, und der von Lotti. Geburtstage werden hier echt nicht so groß gefeiert, deshalb haben Lotti und ich uns gegenseitig einen schönen Tag geschenkt, wo wir mittags Essen waren und auf dem Markt und abends nochmal Essen und was Trinken. Die meisten Leute hier wussten nicht mal, dass wir Geburtstag haben, meine Gastmama hat nur gelacht, als sie es mitbekommen hat (sie lacht ja sowieso bei fast allem, was wir machen) und Michelle (der eine Junge, der hier mit wohnt) hat mich einen Tag später gefragt, ob ich gestern Geburtstag gehabt hätte, "Ja!" - ob ich dann nicht ein Geschenk für ihn hätte. Ich musste ziemlich lachen und habe ihm dann Kaugummis gegeben. 
Deshalb war es aber auch umso erstaunlicher, dass wir zu Nathalies Geburtstag eingeladen waren. Wir konnten uns im Vorhinein gar nichts darunter vorstellen und dachten, es wäre eben eine kleine Geburtstagsfeier. Stattdessen waren Lotti und ich die einzigen Gäste. Sie hat uns zu Hause abgeholt und dann haben wir mit ihr, ihrem 13-jährigen Sohn und ihrer 20-jährigen Adoptivtochter Nudelsalat gegessen, ferngesehen und gequatscht. Für sie war der bestimmt ganz schön teuer, aber wirklich gelungen und für mich auch ganz spannend zu sehen, wie sie wohnt und wie sie ist, wenn sie nicht elf kleine Kinder um sich rum hat - sehr viel gelassener. 

Und jetzt, meine Lieben, wünsche ich euch frohe Weihnachten und hoffe, dass ihr eine schöne Adventszeit verbracht habt! Hier ist es trotz Adventskalender, Lichterkette, Lebkuchen, Dominosteinen und Marzipankartoffeln (Was wir hier alles Schönes haben!) nicht allzu weihnachtlich. Trotzdem freue ich mich auf Weihnachten! Gestern haben wir angefangen den Garten des Waisenheims zu schmücken und besagte "Cocorapelle" mit den Kindern dekoriert, die Kinder haben den Zuckerguss abgeleckt, bevor wir die Kekse weiter verzieren konnten, aber geworden sind sie trotzdem etwas und das Fest am Freitag kann kommen!


Mit den Schuelern vom Goethe-Institut beim Weltwaerts-Treffen in Lomé.
Kurz vorm ins Meer rennen.
Beim "Spectacle", der Tanzauffuehrung in Lomé.
Ein kleiner Eindruck von dem Fest.
Der Markt von Tchamba.

Schön schön mit Katha und Lotti.
Mit Janika und Katha bei Wass.
Mit Maceline, Esta und Arle beim Plaetzchen verzieren.
Sind sie nicht schön geworden?!
Heute beim Dekorieren im Heim.



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